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Buchfranken - Rezensionen / Presse

Hermann Glaser, Franken – eine deutsche Literaturlandschaft, Gunzenhausen 2015

“Der 1928 geborene   Hermann   Glaser  gehört  zu  den  Germanisten, die  sich  in Theorie und Praxis gleichermaßen nachhaltig profilieren  konnten. Sowohl als Gymnasiallehrer für Deutsch, langjähriger Schul-und  Kulturdezernent von Nürn- berg als auch als Dozent an verschiedenen Universitäten (u. a. TU Berlin) erarbei- tete er eine beachtliche Anzahl an Publikationen, die didaktische Fragen des Deutschunterrichts, gesellschaftspolitische Probleme der Zeitgeschichte und literarische Erkundungen zum Thema haben.  Als Kulturpolitiker  plädierte er für eine demokratische, allen  interessierten Bürgern  zugängliche Kultur.  Seine  in  den 1980er Jahren  erschienene dreibändige Kulturgeschichte der Bundesrepublik, die 1990 als  Kassette  vertrieben  wurde,  galt  lange  als  sein  publizistisches Hauptwerk.
Diese Aussage muss mit der nun vorliegenden fränkischen Literaturgeschichte revidiert werden, denn Hermann Glaser hat eine übersichtliche, für in- und ausländische  Germanistik-Studierende ansprechende  regionale  Literaturgeschichte geschrieben, die das Phänomen des, gerade auch in Deutschland kulturell beding- ten, Regionalismus  auf beeindruckende Weise einsichtig  macht.  Bei einer Übersichtsdarstellung einer regional definierten Literaturhistorie ist eine Integration in einen größeren, hier: deutschen, Zusammenhang vonnöten. Glaser ist auch dieser Anforderung  gerecht  geworden,  indem  er seiner  Beschreibung der fränkischen Literaturlandschaft eine komplette Übersicht der deutschsprachigen Literatur vorgeschaltet hat. Sein Buch vereinigt zwei Literaturgeschichten. Dabei ist die Erzäh- lung der gesamten repräsentativen auf Deutsch vorliegenden Literatur mehr als nur ein bloßer  Vorlauf. Vom Mittelalter bis zur Moderne werden  die wichtigsten Epochenmerkmale, ästhetischen  Signaturen, historisch-politischen Rahmenbe- dingungen und zeittypischen Schriftsteller verständlich und einprägsam beschrie- ben. So leitet Glaser etwa das Aufklärungs-Kapitel folgendermaßen ein: „Zwiespäl- tigkeit war die Grundsituation, aus der heraus der barocke Künstler schuf; er fühlte sich ausgeliefert den göttlichen  und  teuflischen Mächten, der Sinnenfreude und Lebensangst. Im 18. Jahrhundert klingen  diese Spannungen ab; der Mensch der Aufklärungszeit bemüht  sich um eine  harmonische,  lebensfrohe Ausgeglichen- heit;  er sieht  zumindest seine  Aufgabe darin,  im ‚Hier und  Nun‘ zu planen, zu wirken und  glücklich  zu sein (mag ihn auch  die ‚unvergnügte Seele‘ daran  hin- dern).“ (75). Wie komprimiert-deskriptiv Glaser bei der  Charakterisierung epo- chenprägender Autoren vorgeht, zeigen einige Ausführungen im Moderne-Kapitel über Erich Kästner: „Kästner war ein Dichter der kleinen Freiheit, ein wehmütiger Satiriker und augenzwinkernder Skeptiker; er glaubte  daran,  dass die Menschen besser werden könnten, wenn man sie nur oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht.“ (339). Bei der Darstellung  der fränkischen Literaturgeschichte werden  nicht  nur  gebürtige  Franken  berücksichtigt, sondern auch  Dichter,  die ihren Aufenthalt  und ihr Wirkungsgebiet in diese Gegend verlagert haben.  Wolf- ram von Eschenbach mit seinem Parzival-Epos ist ein hervorstechender Protago- nist des Mittelalters, ebenso Walther von der Vogelweide, „der größte Lieddichter“ (364) dieser  Epoche. Überhaupt ist nach  Glaser das  13. Jahrhundert „die glänzendste Zeit in der Literaturgeschichte“ (368) für Franken.
Für  die  Zeit des  Humanismus und  der  Renaissance sind  neben  Willibald Pirckheimer  und  Johannes  Reuchlin  besonders die „Handwerker-Poeten“ (388), und hier vor allem Hans Sachs, zu nennen. In Barock und Aufklärung machte der Dichterbund des Pegnesischen  Blumenordens um Georg Philipp  Harsdörffer,  Jo- hannes Klaj und Sigmund von Birken von sich reden.
Nicht jede Epoche  ist durch  herausragende Dichter aus  Franken  vertreten. Für die Zeit von  Sturm  und  Drang  und  Klassik bemerkt  Glaser: „Stürmer  und Dränger hat Franken  viele hervorgebracht, aber – mit einer Ausnahme  – keinen bemerkenswerten Autor in der Epoche des Sturm und Drang. Und ein Weimar, als Topos für die Klassik, kann  nur Thüringen  für sich in Anspruch  nehmen.“ (423). Bei der Ausnahme  handelt es sich um Christian Friedrich Daniel Schubart.
Dagegen  hat  Franken   für  die  Romantik  mit  Jean  Paul  in  Bayreuth  und E. T. A. Hoffmann in Bamberg  herausragende Dichter aufzubieten, wobei  Fried- rich Rückert, „ein polyglotter  Gelehrter und Dichter, der zu allen Lebenssituatio- nen  und  Lebensereignissen Gedichte  schrieb“ (469), ebenfalls  nicht  vergessen sein soll. Im Realismus war Franken eher eine Inspirationsquelle für Philosophen, besonders für einen seiner wirkungsmächtigsten: „Der Bürger Hegel war zugleich ein Revolutionär, ein Geistes-Revolutionär, dem  in Franken  die aufrührerische Kraft des ‚Weltgeistes‘ zufloss.“ (476).
In der Moderne häufen  sich dagegen  die Namen respektabler Schriftsteller. Max von der Grün, Ludwig Fels, Wolfgang  Hilbig und  Gisela Elsner sind  feste Größen in der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Mit Hans Wollschläger und Hans Magnus Enzensberger werden  zwei Hommes de lettres präsentiert, die für ästhetischen Kosmopolitismus  schlechthin stehen  und  das Vorurteil der provin- ziellen Enge – des ‚Altfränkischen‘– eindrucksvoll widerlegen.
Mit seiner  Abbildung  von Franken  als  einer  deutschen Literaturlandschaft hat  Glaser sein  Opus magnum  geschrieben, das  für die Diskussion  des literari- schen Regionalismus  innerhalb der Germanistik unverzichtbar ist. Deutschler- nende  und  ausländische Germanisten werden  für die kulturelle Eigenheit  einer geisteswissenschaftlich bisher eher unterschätzten Gegend in Deutschland sensibilisiert.

Besprochen von Wolfgang Braune-Steininger: Ehringshausen, in: Zeitschrift Informationen Deutsch als Fremdsprache Vol. 44/2-3 (2017), De Gruyter Verlag

Hermann Glaser mit seinem "Lebenswerk" (2015)